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August 11, 2026· Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
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Die öffentliche Begründung der Reform – vierzehn Behauptungen zur Haltefrist nach § 23 EStG, geprüft an den Primärquellen

Abstract

Kriminalitätsdaten, Aufkommensschätzungen und höchstrichterliche Aktenlage – mit Befunden gegen beide Seiten der Debatte Die Bundesregierung hat am 29. April 2026 im Rahmen der Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027 angekündigt, die Besteuerung von Kryptowerten neu zu regeln. Am 6. Juli 2026 hat das Bundeskabinett den Regierungsentwurf des Haushalts 2027 beschlossen; nach der vom Bundesministerium der Finanzen veröffentlichten Textfassung der Pressekonferenz will die Bundesregierung "Kryptogewinne künftig genauso besteuern wie Kapitaleinkünfte", und zwar mit Zeitziel 2027. Amtlich angekündigt ist damit die Gleichbehandlung mit Kapitaleinkünften; der Wegfall der einjährigen Haltefrist für private Veräußerungsgeschäfte nach § 23 EStG ist die naheliegende Folge dieser Einordnung, wird hier aber als **Schlussfolgerung** und nicht als amtliche Aussage geführt. Ein Referentenentwurf, ein Gesetzestext, ein Steuersatz, ein Stichtag und eine Aufkommensschätzung mit offengelegter Herleitung lagen bis zum Redaktionsschluss dieses Berichts nicht vor. Dieser Bericht prüft vierzehn in der Reformdebatte wiederkehrende Tatsachenbehauptungen gegen die jeweils einschlägigen Primärquellen: Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, des Bundesfinanzhofs und des niederländischen Hoge Raad, amtliche Bundestagsdrucksachen, Berichte des Bayerischen Obersten Rechnungshofs, parlamentarische Materialien der Republik Österreich, Erhebungsdaten der Europäischen Zentralbank, On-Chain-Forensik sowie die amtlichen Verlautbarungen des Bundesministeriums der Finanzen. Dokumentierter Anlass der Prüfung ist eine öffentlich aufgezeichnete Fachdiskussion vom 7. Juli 2026, in der die Behauptungen in verdichteter Form vorgetragen wurden; die Befunde gelten für die Debatte insgesamt, nicht für einzelne Personen. Ergebnis: Der überwiegende Teil der geprüften Behauptungen hält der Prüfung an den Primärquellen in der vorgetragenen Form nicht stand; einzelne halten stand, präzisieren sich aber erheblich. Die zentralen Befunde: Die als Beleg für kriminelle Bitcoin-Nutzung angeführten Daten weisen den ganz überwiegenden Teil des betroffenen Volumens Stablecoins zu, nicht Bitcoin; die unabhängige On-Chain-Forensik beziffert den Stablecoin-Anteil am illegalen Transaktionsvolumen des Jahres 2025 auf 84 Prozent. Eine amtliche Aufkommensschätzung mit offengelegter Herleitung existiert nicht: Die Bundesregierung hat am 17. September 2025 auf eine Kleine Anfrage geantwortet, Angaben zur Höhe der Steuereinnahmen aus Kryptowerten lägen ihr nicht vor und ein statistischer Nachweis sei nicht möglich; sieben Monate später nannte sie eine Erwartung von zwei Milliarden Euro für ein kombiniertes Bündel aus Kriminalitätsbekämpfung und Kryptobesteuerung. Ein Fraktionsentwurf beziffert die Mehreinnahmen auf "mindestens etwa 5 Mrd. Euro" – ohne Herleitung im Entwurf; ausweislich des Ausschussberichts ist der Betrag die Hälfte einer nicht amtlichen Hochrechnung. Im herangezogenen Vergleichsfall Österreich lag die amtliche Folgenabschätzung im zweistelligen Millionenbereich und das tatsächliche Aufkommen 2024 bei 33,8 Millionen Euro, 0,57 Prozent des dortigen Kapitalertragsteueraufkommens; der österreichische Rechnungshof rügte, dass die Folgenabschätzung keine Herleitung ihrer Beträge enthält. Dieser Vergleich ist allerdings nur begrenzt übertragbar: Österreich hat den vor dem 1. März 2021 angeschafften Altbestand von der Neuregelung ausgenommen, sodass die Zahl aus einer durch Bestandsschutz verengten Bemessungsgrundlage stammt. Bei der Rechtslage ist das Bild differenzierter, als es die Debatte auf beiden Seiten darstellt: Der Bundesfinanzhof hat 2023 ein *normatives* Vollzugsdefizit bei Kryptowerten ausdrücklich verneint – und dabei die tatsächlichen Vollzugsschwierigkeiten ausdrücklich mitbedacht und für den verfassungsrechtlichen Maßstab für unerheblich erklärt. Zugleich dokumentiert der Bayerische Oberste Rechnungshof für die Veranlagungszeiträume 2018 bis 2021 ein *tatsächliches* Erhebungsdefizit: Die Finanzämter konnten "mangels Informationen oder Kontrollmaterial keine Fälle selbst aufgreifen" und waren "vollständig auf die Erklärungsangaben der Stpfl. [Steuerpflichtigen] angewiesen". Für Altbestände, deren Haltefrist bei Verkündung bereits abgelaufen ist, folgt aus der Rückwirkungsrechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (Beschluss vom 7. Juli 2010) ein verfassungsrechtlich gebotener Vertrauensschutz. English abstract On 29 April 2026, the German federal government announced a reform of the taxation of crypto-assets as part of the budget benchmarks for the 2027 federal budget. On 6 July 2026 the federal cabinet adopted the government's 2027 draft budget; according to the transcript of the press conference published by the Federal Ministry of Finance, crypto gains are to be "taxed in the same way as investment income", with 2027 as the target date. What has been officially announced is therefore the alignment with investment income; the removal of the one-year holding period for private disposals under Section 23 of the German Income Tax Act (EStG) is the obvious consequence of that classification, but is treated here as an **inference** rather than an official statement. No ministerial draft bill, no statutory text, no tax rate, no cut-off date and no revenue estimate with a disclosed derivation existed at the time of writing. This report examines fourteen recurring factual claims in the reform debate against the relevant primary sources: case law of the German Federal Constitutional Court, the Federal Fiscal Court and the Dutch Supreme Court, official Bundestag documents, reports of the Bavarian Supreme Audit Office, Austrian parliamentary materials, European Central Bank survey data, on-chain forensics, and official statements by the Federal Ministry of Finance. The documented occasion for this review is a publicly recorded expert panel of 7 July 2026; the findings address the debate as a whole and not individual speakers. Result: most of the claims examined do not withstand scrutiny in the form presented; some do hold, but require substantial qualification. Key findings: the data cited as evidence of criminal Bitcoin use attribute the great majority of the relevant volume to stablecoins, not Bitcoin; independent on-chain forensics put the stablecoin share of illicit transaction volume in 2025 at 84 per cent. No official revenue estimate with a disclosed derivation exists: on 17 September 2025 the federal government replied to a parliamentary question that it holds no data on tax revenue from crypto-assets and that statistical evidence is "not possible"; seven months later it stated an expectation of two billion euros for a combined package of financial crime enforcement and crypto taxation. A parliamentary group's bill puts the additional revenue at "at least around EUR 5 billion" – with no derivation in the bill itself; according to the committee report the figure is half of a non-official industry projection. In the comparative case examined here, Austria, the official impact assessment projected figures in the tens of millions and actual revenue in 2024 was EUR 33.8 million, or 0.57 per cent of that country's capital gains tax revenue; the Austrian Court of Audit criticised that the assessment contained no derivation of its figures. That comparison is only transferable to a limited extent: Austria exempted holdings acquired before 1 March 2021, so the figure derives from a tax base substantially narrowed by grandfathering. On the legal situation the picture is more differentiated than either side of the debate presents. In 2023 the Federal Fiscal Court expressly denied a *normative* enforcement deficit for crypto-assets – expressly taking the actual enforcement difficulties into account and holding them immaterial to the constitutional test. At the same time, the Bavarian Supreme Audit Office documents an *actual* collection deficit for the assessment periods 2018 to 2021: tax offices could "not take up any cases on their own initiative for lack of information or control material" and were "entirely dependent on the taxpayers' own declarations". For holdings whose one-year period had already expired at promulgation, the Federal Constitutional Court's retroactivity case law (decision of 7 July 2010) requires constitutional protection of legitimate expectations. Änderungsnotiz Version 1.1 (11. August 2026): Anlass war der Eingang externer Hinweise; sämtliche Änderungen wurden unabhängig an den Primärquellen geprüft und sind im Änderungsverzeichnis des Dokuments einzeln ausgewiesen. In Kürze: (1) Befund 12 um die fehlende Fundstelle ergänzt (Zeitcodes, wörtliche Zitate); (2) Befund 8 um Kroatien und Luxemburg als primär belegte Vergleichsregime erweitert; (3) Befund 6: Mittelwert-/Median-Passage korrigiert; (4) Befund 2 um die Methodendebatte zum Nenner der Anteilswerte ergänzt; (5) Befund 1 um Präsentation und Diskussion bei der AFA 2026 ergänzt; (6) Funktionsbezeichnung des Autors der Quelle 8a aktualisiert; (7) Verfahrensstand zu H.R. 3633 aktualisiert. Keine Ergebnis-Einstufung ändert sich. Quellen 25–33 neu.

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